• 239_Engelbert von der Schaunburg

    Es gibt Orte, an denen ich mich vom ersten Augenblick an wohlfühle. Alte Burgen und Burgruinen gehören für mich ganz eindeutig dazu. Vielleicht liegt es an den Mauern, die schon so viel gesehen haben, vielleicht an den Geschichten, die in jedem Stein verborgen zu sein scheinen, oder einfach an der besonderen Ruhe, die dort herrscht. Einer dieser Orte ist die Burgruine Schaunburg. Wenn ich dort unterwegs bin, vergesse ich oft die Zeit. An diesem Tag setzte ich mich in die alte Burgkirche, lehnte mich zurück und versuchte, wie ich es gerne nenne, das Rad meiner Gedanken anzuhalten. Kein Telefon, kein Verkehrslärm, keine Termine und keine Stimmen. Nur die alten Mauern, ein wenig Wind und diese wunderbare Stille, die ich in solchen Gemäuern so liebe. Doch plötzlich wurde die Ruhe von einem Geräusch unterbrochen. Zuerst war es so leise, dass ich dachte, ich hätte mich verhört. Dann kam es wieder. Es klang wie ein leichtes Winseln, vielleicht auch wie ein leises Zischen. Ich konnte es nicht einordnen. Langsam stand ich auf und sah mich um. Das Geräusch kam aus der Nähe eines Mauervorsprungs. Ich ging vorsichtig ein paar Schritte näher und blieb stehen. Hinter der Mauer bewegte sich etwas. Für einen kurzen Moment sah ich nur eine kleine Hand, dann ein Gesicht und schließlich eine winzige Gestalt, vielleicht fünfzehn Zentimeter groß, die vorsichtig um die Ecke schaute. Ich traute meinen Augen kaum. Vor mir stand tatsächlich ein kleiner Zwerg. Er hatte einen grauen Bart, eine dunkle Mütze und trug Kleidung, die aussah, als wäre sie aus Stoffresten und Lederstücken zusammengenäht worden. Seine Augen waren rot und verweint. Er sah mich lange an, als würde er überlegen, ob er mir vertrauen konnte. Dann trat er einen Schritt hervor und sagte ganz leise: „Kannst du mir bitte helfen?“ Ich weiß bis heute nicht, warum ich keine Angst hatte. Im Gegenteil, ich freute mich sogar darüber, dass gerade ich von diesem kleinen Wesen um Hilfe gebeten wurde. Vielleicht hatte er gespürt, dass ich mich in Burgen und Ruinen wohlfühlte und dass ich ihm nichts Böses wollte. „Wie heißt du denn?“, fragte ich. „Engelbert“, antwortete er. „Und was ist passiert?“ Wieder füllten sich seine Augen mit Tränen. „Meine Frau Gloria und unsere Tochter Adelheit sind schwer krank. Ich habe Angst, dass sie ohne Hilfe sterben.“ In diesem Augenblick wusste ich, dass ich nicht einfach weggehen konnte. Ich folgte Engelbert durch einen schmalen Spalt in der Mauer. Dahinter befand sich ein kleines Versteck, das man von außen kaum erkennen konnte. Auf einem Lager aus Moos, Blättern und Stoffresten lagen Gloria und Adelheit. Beide wirkten schwach und erschöpft. Gloria öffnete kurz die Augen, während Adelheit kaum noch auf das leise Rufen ihres Vaters reagierte. Ich überlegte fieberhaft, was ich tun konnte. Dort in der Ruine konnte ich ihnen nicht helfen. Also fasste ich einen Plan. „Ihr kommt mit mir“, sagte ich. Ich nahm meinen Rucksack ab und legte ihn vorsichtig auf den Boden. Engelbert half zuerst seiner Frau hinein, dann trugen wir gemeinsam Adelheit dazu. Zuletzt kletterte Engelbert selbst in den Rucksack. Ich bedeckte die drei vorsichtig mit einem weichen Tuch und verließ das Ruinenareal so unauffällig wie möglich. Dabei kam ich mir fast wie ein Schmuggler vor. Immer wieder sah ich mich um, ob mich jemand beobachtete. Zum Glück begegnete mir niemand, der wissen wollte, warum sich mein Rucksack plötzlich bewegte.

    Auf der Heimfahrt lief mir der Schweiß über die Stirn. Nicht, weil es so heiß war, sondern weil mir plötzlich der Gedanke kam, was wohl passieren würde, wenn ich in eine Polizeikontrolle geriet. Was hätte ich sagen sollen? „Guten Tag, Herr Inspektor, ich habe drei Zwerge im Rucksack, aber keine Sorge, die gehören zusammen“? Vermutlich hätte man zuerst den Rucksack und anschließend mich sehr genau untersucht. Engelbert schien meine Gedanken zu ahnen, denn plötzlich hörte ich aus dem Rucksack seine leise Stimme: „Ist alles in Ordnung?“ „Ja“, antwortete ich, „solange wir nicht aufgehalten werden.“ Zum Glück erreichten wir mein Zuhause ohne Zwischenfälle. Ich brachte die drei in ein ruhiges Zimmer und überlegte, wen ich um Hilfe bitten konnte. Ein guter Freund von mir war Arzt. Ich rief ihn an und erklärte ihm, dass ich dringend seine Hilfe brauchte. Natürlich sagte ich am Telefon nichts von Zwergen. Wahrscheinlich hätte er sonst geglaubt, ich wäre selbst der Patient. Als er bei mir eintraf, führte ich ihn ins Zimmer. Er sah zuerst mich an, dann Engelbert, dann Gloria und Adelheit und schließlich wieder mich. Einige Sekunden sagte er überhaupt nichts. „Bevor du fragst“, sagte ich, „ja, sie sind echt.“ Mein Freund setzte seine Brille ab, putzte sie gründlich, setzte sie wieder auf und meinte nur: „Also gut. Dann schauen wir uns die beiden Patientinnen einmal an.“ Gemeinsam pflegten wir Gloria und Adelheit gesund. Es dauerte einige Zeit, doch langsam kehrten ihre Kräfte zurück. Gloria konnte bald wieder sitzen, und Adelheit begann nach einigen Tagen sogar wieder zu lachen. Engelbert wich in dieser Zeit kaum von ihrer Seite. Als beide endlich gesund waren, fiel ihm eine Last vom Herzen. Er nahm meine Hand mit beiden Armen und sagte: „Du hast uns das Leben gerettet. Das werden wir dir niemals vergessen.“ Eigentlich hatte ich geplant, die Familie wieder zur Schaunburg zurückzubringen, sobald alle gesund waren. Doch eines Abends saßen Engelbert und ich beisammen, und er sagte ganz beiläufig: „Bei dir ist es so wohlig warm. Sehr angenehm.“ Dieser Satz blieb mir im Kopf. Das ehemalige Zimmer meines Sohnes stand zu dieser Zeit leer. Also kam mir eine Idee. Warum sollte ich der kleinen Familie dort nicht eine eigene Wohnung bauen? Ich erzählte Engelbert davon, und seine Augen begannen zu leuchten. Schon am nächsten Tag saßen wir gemeinsam über den ersten Plänen. Ich zeichnete auf einem großen Blatt Papier, während Engelbert mit einem winzigen Bleistift seine Wünsche dazuschrieb. Die Wohnung sollte ein Schlafzimmer, eine kleine Küche, ein Wohnzimmer und ein Zimmer für Adelheit bekommen. Große Ansprüche stellten sie nicht. Sie wollten es nur warm, gemütlich und sicher haben. Gemeinsam begannen wir zu bauen. Für mich waren kleine Holzstücke und Stoffreste fast wertlos, für Engelbert waren sie hervorragendes Baumaterial. Aus einer alten Schublade wurde ein Zimmer, aus Holzleisten entstanden Betten, Stühle und ein Tisch. Ein alter Lampenschirm wurde zum Dach, Knöpfe zu Tellern und ein Fingerhut zu einem Kochtopf. Engelbert war handwerklich sehr geschickt, und wir ergänzten uns hervorragend. Nach einigen Wochen war die kleine Wohnung fertig. Gloria stellte Vorhänge her, Adelheit bemalte die Wände mit winzigen Blumen, und Engelbert baute sogar eine kleine Bank vor den Eingang. Als sie einzogen, waren sie überglücklich. Von diesem Tag an gehörten die drei zu meinem Leben.

    Wir wurden richtig gute Freunde. Jeden Tag, wenn ich von der Arbeit nach Hause kam, freute ich mich riesig auf meine kleinen Gäste. Mein erster Weg führte fast immer in das ehemalige Zimmer meines Sohnes. Dort saß Engelbert oft vor seiner kleinen Wohnung und wartete bereits auf mich. Wir erzählten uns, was wir tagsüber erlebt hatten. Gloria bereitete manchmal Tee zu. Ich trank aus einer normalen Tasse, die drei aus winzigen Bechern. Besonders Adelheit war neugierig und stellte unzählige Fragen über die Welt der großen Menschen. Sie wollte wissen, warum Autos so laut waren, weshalb Menschen so große Häuser brauchten und warum sie beim Einkaufen oft Dinge kauften, die sie gar nicht benötigten. Auf manche Fragen wusste ich selbst keine vernünftige Antwort. Ein Detail bringt mich bis heute zum Schmunzeln: die erste Bestellung für den Einkauf meiner kleinen Familie. Gloria überreichte mir einen winzigen Zettel. Darauf stand: „Bitte 15 Dekagramm Schnitzelfleisch, ein Ei, eine Prise Salz, zehn Dekagramm Semmelbrösel, einen Schöpfer voll Mehl und ungefähr 10 Salatblätter.“ Ich musste lachen. Für mich klang das nach einer Kostprobe, für die Zwergenfamilie war es ein richtiges Festessen. Als ich die Bestellung beim Fleischhauer aufgab, sah mich die Verkäuferin etwas verwundert an. „Nur fünf Dekagramm?“ fragte sie. „Ja“, antwortete ich, „ich bekomme Besuch, aber die essen nicht besonders viel.“ Das stimmte ja auch. Gloria bereitete daraus Schnitzel zu, die kaum größer als eine Briefmarke waren. Dazu gab es Salatblätter, von denen jedes einzelne für mehrere Portionen reichte. Wir verbrachten viele schöne Jahre miteinander. Ich kümmerte mich liebevoll um Engelbert, Gloria und Adelheit, und sie gaben mir auf ihre Weise genauso viel zurück. Sie waren da, wenn ich nach einem langen Arbeitstag müde nach Hause kam. Sie hörten mir zu, wenn mich etwas beschäftigte, und sie erinnerten mich daran, dass man zum Glücklichsein oft viel weniger braucht, als man glaubt. Nie erzählte ich anderen Menschen von ihnen. Nicht weil ich mich schämte, sondern weil ich Angst hatte, jemand könnte sie entdecken, fotografieren oder aus ihrem ruhigen Leben reißen. Sie vertrauten mir, und dieses Vertrauen wollte ich niemals enttäuschen.

    Doch eines Tages wurde ich selbst schwer krank. Es kam so plötzlich, dass ich kaum Zeit hatte, etwas zu erklären. Als ich ins Krankenhaus gebracht wurde, sah ich Engelbert in der Tür seiner kleinen Wohnung stehen. Seine Augen waren voller Sorge und Traurigkeit. Er sagte nichts, doch ich erkannte darin denselben Blick wie damals in der Burgkirche, als er mich um Hilfe gebeten hatte. Ich hob noch kurz die Hand, bevor ich das Haus verließ. Im Krankenhaus dachte ich oft an die drei. Ich fragte mich, ob sie genug zu essen hatten, ob es ihnen gut ging und ob Engelbert mit allem zurechtkam. Nach mehreren Wochen wurde ich schließlich wieder gesund und durfte nach Hause. Schon auf der Fahrt freute ich mich riesig darauf, meine kleinen Freunde wiederzusehen. Als ich die Wohnung betrat, rief ich sofort: „Engelbert, Gloria, Adelheit, ich bin wieder da!“ Doch niemand antwortete. Ich ging in das ehemalige Zimmer meines Sohnes und blieb wie angewurzelt stehen. Die kleine Wohnung war verschwunden. Kein Tisch, kein Bett, keine Bank, kein Werkzeug und kein einziger kleiner Gegenstand waren mehr da. Alles sah genauso aus wie früher, bevor die Zwergenfamilie eingezogen war. Ich suchte im ganzen Zimmer, öffnete Schubladen, sah hinter Möbeln und rief immer wieder ihre Namen. Doch es blieb still. Für einen Moment fragte ich mich, ob ich mir all das nur eingebildet hatte. Vielleicht war die Begegnung auf der Schaunburg nur ein Traum gewesen. Vielleicht hatte es Engelbert, Gloria und Adelheit nie gegeben. Dann entdeckte ich auf dem Fensterbrett einen kleinen zusammengefalteten Zettel. Er war kaum größer als eine Briefmarke. Vorsichtig öffnete ich ihn. In sauberer, winziger Schrift stand darauf: „Lieber Freund, wir danken dir für deine Hilfe. Du hast uns das Leben gerettet, uns ein Zuhause gegeben und uns wie eine Familie behandelt. Es war eine sehr schöne Zeit. Danke für alles. Engelbert, Gloria und Adelheit.“ Ich setzte mich hin und hielt den kleinen Zettel lange in der Hand. Natürlich war ich traurig, dass sie gegangen waren. Doch zugleich war ich dankbar, dass ich diese außergewöhnliche Freundschaft erleben durfte. Noch heute fahre ich manchmal zur Burgruine Schaunburg. Dann setze ich mich wieder in die alte Burgkirche und versuche, das Rad meiner Gedanken anzuhalten. Wenn es ganz still ist und der Wind durch die alten Mauern zieht, glaube ich manchmal, hinter einem Mauervorsprung ein leises Winseln oder Zischen zu hören. Dann muss ich lächeln und denke an Engelbert, Gloria und Adelheit. Vielleicht leben sie heute wieder irgendwo dort zwischen den alten Steinen. Vielleicht erzählen sie anderen Zwergen von dem großen Menschen, der ihnen einst geholfen hat. Und vielleicht wartet Engelbert nur darauf, eines Tages wieder vorsichtig um die Ecke zu schauen und leise zu fragen: „Kannst du mir bitte helfen?“

  • 238_Marienwarte Teil 4

    Die Marienwarte heute

    Mehr als 130 Jahre sind vergangen, seit die Marienwarte am Reinberg feierlich eröffnet wurde. Sie hat zwei Weltkriege, politische Veränderungen und den Wandel der Zeit überstanden. Generationen von Welserinnen und Welsern sind die 145 Stufen hinaufgestiegen, um den herrlichen Blick über ihre Heimat zu genießen.

    Auch heute hat die Marienwarte nichts von ihrem besonderen Charme verloren. Wer den Reinberg besucht, spürt sofort die Ruhe dieses Ortes. Zwischen den alten Bäumen eröffnet sich ein einzigartiger Ausblick über Wels bis hin zu den Alpen – genau jener Blick, der schon die Erbauer im Jahr 1892 begeisterte.

    Wenn man vor der Marienwarte steht, denkt man unweigerlich an die vielen Menschen, die an ihrer Entstehung beteiligt waren. Mit viel Einsatz, handwerklichem Können und Weitblick schufen sie ein Bauwerk, das bis heute eines der schönsten Wahrzeichen unserer Region ist.

    Für mich ist die Marienwarte weit mehr als nur ein Aussichtsturm. Sie erzählt ein Stück Welser Geschichte und erinnert daran, wie wichtig es ist, unsere Heimat zu kennen, zu schätzen und für kommende Generationen zu bewahren.

    Mit dieser kleinen vierteiligen Serie wollte ich die Geschichte der Marienwarte wieder ein Stück lebendig werden lassen. Vielleicht regt sie den einen oder anderen an, selbst einmal den Reinberg zu besuchen und den Ausblick zu genießen, der seit über einem Jahrhundert Menschen begeistert.

    Denn Geschichte lebt nicht nur in Büchern – sie lebt an den Orten, an denen sie geschrieben wurde.

  • 237_Marienwarte Teil 3

    Kaiser Franz Joseph und Kaiserin Elisabeth auf der Marienwarte

    Nur wenige Wochen nach der feierlichen Eröffnung erhielt die Marienwarte hohen kaiserlichen Besuch. Am 22. September 1892 bestieg Kaiserin Elisabeth, besser bekannt als Sisi, den Reinberg und die neue Marienwarte. Die sportliche Kaiserin liebte ausgedehnte Spaziergänge und Wanderungen und genoss den herrlichen Ausblick über Wels und das Alpenvorland.

    Nur wenige Monate später, am 3. Dezember 1892, besuchte auch Kaiser Franz Joseph I. gemeinsam mit seinem Schwiegersohn Erzherzog Franz Salvator die Marienwarte. Der Kaiser zeigte sich vom Bauwerk und von der großartigen Aussicht beeindruckt und würdigte die Arbeit des Verschönerungsvereins.

    Beide Besuche waren für Wels eine große Ehre und machten die Marienwarte schon kurz nach ihrer Eröffnung weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Die Eintragungen von Kaiserin Elisabeth und Kaiser Franz Joseph im Gästebuch der Marienwarte sind bis heute erhalten und erinnern an diese besonderen Momente der Welser Geschichte.

  • 236_Marienwarte Teil 2

    Teil 2 – Die Bauzeit der Marienwarte

    Nach der Entscheidung für den Standort am Reinberg begannen im Jahr 1891 die Bauarbeiten. Für die damalige Zeit war der Bau eines rund 20 Meter hohen Aussichtsturms eine beachtliche Leistung. Moderne Baumaschinen gab es noch nicht. Jeder Ziegelstein, jeder Holzbalken und jedes Werkzeug mussten mühsam mit Pferdefuhrwerken zur Baustelle gebracht werden.

    Steinmetze, Maurer und Zimmerleute arbeiteten Hand in Hand. Mit einfachen Hilfsmitteln, viel Erfahrung und großem handwerklichem Können wuchs die Marienwarte Woche für Woche in die Höhe. Holzgerüste umgaben den Turm, während Schubkarren, Flaschenzüge und Leitern den Arbeitsalltag bestimmten.

    Der Verschönerungsverein verfolgte den Bau mit großem Interesse. Für die Menschen in Wels entstand nicht einfach nur ein Aussichtsturm – es entstand ein neues Wahrzeichen, das den Bürgerinnen und Bürgern viele Generationen lang Freude bereiten sollte.

    Als die letzten Ziegel vermauert und die Turmspitze fertiggestellt war, war klar: Der Reinberg hatte ein neues Wahrzeichen erhalten.

  • 235_Marienwarte Teil 1

    Die Standortfindung der Marienwarte –

    Noch bevor die Marienwarte gebaut werden konnte, musste zuerst der beste Platz auf dem Reinberg gefunden werden. Die Verantwortlichen wollten sicher sein, dass der spätere Aussichtsturm einen möglichst freien Blick über Wels und das Alpenvorland bieten würde.

    Um das zu überprüfen, wurde im Sommer 1889 eine hohe Schubleiter aufgestellt. Von dort aus prüfte man die Aussicht und legte gleichzeitig fest, welche Höhe der geplante Turm haben sollte.

    Wie diese Leiter tatsächlich aussah, ist heute nicht überliefert. Das Titelbild zeigt deshalb eine humorvolle KI-Interpretation mit einer pferdegezogenen Feuerwehrleiter. So hätte man sich die Suche nach dem perfekten Standort vorstellen können – auch wenn es historisch natürlich anders gewesen sein dürfte.

    Die Entscheidung fiel schließlich auf den heutigen Standort am Reinberg. Mehr als 130 Jahre später zählt die Marienwarte noch immer zu den schönsten Aussichtspunkten der Region.

  • 234_Das Klopfen aus dem Sternhochhaus 2

    4600 – Geheimnisse von Wels

    Das Klopfen aus dem Sternhochhaus – Teil 2

    Gestern endete meine Geschichte genau in dem Moment, als ich vor dem Sternhochhaus stand und nicht wusste, woher die Hilferufe kamen. Ehrlich gesagt war ich selbst neugierig geworden. Ich ging langsam um das Gebäude herum und lauschte noch einmal. Plötzlich hörte ich die Stimme wieder. Diesmal war ich mir sicher, sie kam nicht aus einer Wohnung und auch nicht aus dem Stiegenhaus. Sie kam aus einem kleinen Kellerfenster.

    „Hallo! Ist da draußen jemand?“

    Ich ging näher zum Fenster und rief zurück: „Ja, ich höre Sie! Was ist denn passiert?“

    „Ich bin im Fahrradkeller eingesperrt. Können Sie bitte jemanden holen?“

    In diesem Moment war mir klar, dass ich selbst nichts ausrichten konnte. Ich war schließlich nur zufällig vorbeigekommen und hatte natürlich keinen Schlüssel für das Haus. Also läutete ich bei der Hausmeisterin. Zum Glück war sie zu Hause. Nachdem ich ihr erklärt hatte, dass sich jemand im Fahrradkeller befand und um Hilfe rief, zögerte sie keine Sekunde. Sie holte den Ersatzschlüssel und gemeinsam gingen wir zum Keller. Wenige Augenblicke später wurde die schwere Tür geöffnet und ein sichtlich erleichterter Mann trat heraus.

    Er musste selbst lachen, als er erzählte, wie es überhaupt zu diesem Missgeschick gekommen war. Er hatte sein Fahrrad in den Keller gebracht und den Schlüssel innen im Schloss stecken lassen. Als er den Keller wieder verlassen wollte, stieß er die schwere Tür aus Gewohnheit zu. Erst im selben Augenblick wurde ihm bewusst, dass der Schlüssel noch auf der Innenseite steckte. Damit war der Fahrradkeller versperrt und er selbst stand hilflos davor. Zum Glück befand sich in der Nähe ein kleines Kellerfenster, durch das er immer wieder um Hilfe rufen konnte.

    Wir lachten schließlich alle drei über die ganze Geschichte. Eigentlich war es nur ein kleines Missgeschick, doch ohne Zufall hätte ihn wahrscheinlich lange niemand gehört. Als ich mich verabschiedete und noch einmal zum Sternhochhaus hinaufsah, musste ich schmunzeln. Tausende Menschen fahren hier jeden Tag vorbei. Für die meisten ist es einfach nur ein Hochhaus. Für mich wird es aber immer der Ort bleiben, an dem ein kleines Kellerfenster zu einem ganz besonderen Geheimnis von Wels wurde.

  • 233_Das Klopfen aus dem Sternhochhaus 1

    4600 – Geheimnisse von Wels

    Das Klopfen aus dem Sternhochhaus – Teil 1

    Es gibt Orte in Wels, an denen fährt man seit Jahren vorbei, ohne ihnen besondere Beachtung zu schenken. Das Sternhochhaus ist so ein Ort. Es steht schon so lange dort, dass es für viele einfach zum Stadtbild gehört. Man sieht es von Weitem, erkennt sofort seine markante Form und fährt weiter. Ehrlich gesagt ging es mir lange Zeit genauso. An diesem Morgen war ich mit meiner Kamera unterwegs, um neue Motive für meine Serie „4600 – Geheimnisse von Wels“ zu suchen. Eigentlich hatte ich gar nichts Besonderes geplant. Ich wollte nur ein paar schöne Fotos machen. Als ich am Kreisverkehr stehen blieb und zum Hochhaus hinaufsah, fiel mir auf, wie eindrucksvoll es eigentlich wirkt. Vor dem strahlend blauen Himmel ragte es weit über die umliegenden Bäume hinaus. Ein Gebäude, das wahrscheinlich jeder Welser kennt – und über das trotzdem kaum jemand spricht. Während ich mehrere Fotos machte, fragte ich mich, wie viele Menschen wohl dort wohnen. Wie viele Geschichten sich hinter den unzähligen Fenstern abgespielt haben. Freude, Streit, Hoffnung, Enttäuschung, Geburtstage, Abschiede – ein ganzes Menschenleben, tausendfach übereinander gestapelt. Von draußen sieht man nur Beton, Balkone und Fenster. Was sich dahinter verbirgt, bleibt für die meisten ein Geheimnis. Ich blieb noch einen Moment stehen und betrachtete das Gebäude. Plötzlich glaubte ich, ein dumpfes Geräusch zu hören.

    Klopf …

    Ich schaute mich um. Ein Auto fuhr vorbei, ein Radfahrer bog um die Kurve, sonst war niemand zu sehen. Dann war das Geräusch wieder da.

    Klopf … klopf …

    Diesmal war ich mir sicher. Das kam nicht von der Straße. Es schien direkt aus der Richtung des Hochhauses zu kommen. Neugier war schon immer eine meiner größten Schwächen. Also steckte ich die Kamera ein und ging langsam auf den Eingang zu. Mit jedem Schritt wurde es ruhiger. Der Verkehr verschwand im Hintergrund, und plötzlich hörte ich zwischen den Klopfgeräuschen eine leise Stimme.

    „Hallo … ist da jemand?“

    Ich blieb stehen. Die Stimme kam eindeutig aus dem Gebäude. Für einen kurzen Moment überlegte ich, ob ich mir das alles nur einbildete. Doch dann hörte ich wieder das Klopfen. Diesmal lauter. Es schien von einem Kellerfenster zu kommen. Ich trat noch einen Schritt näher.

    Sollte ich wirklich hineingehen?

    Fortsetzung folgt …

  • 232_Die Frau im Mühlbach – Teil 2

    Das Geheimnis in der Tiefe

    Anna hielt den nassen Zettel noch immer in der Hand. „Morgen um sechs Uhr. Tauch tiefer. Alle Antworten warten auf dich.“ Die ganze Nacht fand sie keinen Schlaf. Wer hatte den Zettel geschrieben? Wer beobachtete sie? Und warum wusste jemand von ihrer außergewöhnlichen Fähigkeit? Noch vor Sonnenaufgang stand sie wieder am Mühlbach. Der Nebel hing tief über dem Wasser, alles war still. Sie legte ihren Notizblock und ihre Uhr wie gewohnt auf die steinerne Ufermauer, atmete einmal tief durch und tauchte ab. Diesmal schwamm sie nicht einfach geradeaus, sondern folgte dem Bach bis an eine Stelle, die ihr trotz zwanzig Jahren täglichem Schwimmen fremd vorkam. Plötzlich bemerkte sie zwischen den Steinen einen schmalen Spalt, aus dem ein schwaches bläuliches Licht schimmerte. Vorsichtig tauchte sie näher und entdeckte einen gemauerten Durchgang, der hinter dichtem Wassergras verborgen lag. Sie zögerte nur einen Augenblick, dann schwamm sie hindurch. Dahinter öffnete sich eine riesige Höhle, erfüllt von glasklarem Wasser. Mitten im Raum stand ein alter steinerner Tisch. Darauf lag eine bronzene Sanduhr. Doch der Sand rieselte nicht nach unten – er floss langsam nach oben. Als Anna die Sanduhr berühren wollte, hörte sie plötzlich eine ruhige Stimme. „Willkommen, Anna. Endlich hast du den Weg gefunden.“ Erschrocken drehte sie sich um. Vor ihr stand ein alter Mann mit schneeweißem Haar, als wäre er schon immer Teil dieser Höhle gewesen. „Seit Jahrhunderten bewacht jemand diesen Ort“, sagte er. „Das Wasser des Mühlbachs entspringt einer Quelle, die nicht nur Leben schenkt, sondern auch Zeit. Jeder Mensch, der hier badet, spürt ihre Kraft. Aber nur alle paar Generationen findet jemand den verborgenen Eingang. Du bist die Nächste.“ Anna verstand plötzlich, warum sie immer länger unter Wasser bleiben konnte. Es war nicht ihre Lunge. Es war das Wasser selbst.

    Der alte Mann lächelte traurig. „Doch jedes Geschenk hat seinen Preis. Wer die Zeit anhalten kann, verliert nach und nach die Erinnerung an sein früheres Leben.“ Anna erschrak. War das der Grund, warum sie sich in den letzten Monaten immer schwerer an manche Erlebnisse ihrer Kindheit erinnern konnte? Plötzlich fiel ihr Blick auf den Tisch. Dort lagen mehrere alte Notizbücher – alle mit unterschiedlichen Namen. Sie blätterte vorsichtig durch eines. Darin standen Tauchzeiten, Beobachtungen und dieselben Fragen, die sie selbst seit Monaten in ihren Notizblock schrieb. Das letzte Buch endete mit einem einzigen Satz: „Ich weiß nicht mehr, wer ich bin.“ Anna ließ das Buch erschrocken fallen. Der alte Mann nickte nur langsam. „Auch ich habe einmal hier gestanden – vor mehr als zweihundert Jahren.“ Da begriff sie die Wahrheit. Er war gar kein Wächter. Er war der letzte Mensch, der das Geheimnis entdeckt hatte. Anna nahm ihre Sanduhr, schwamm zurück durch den Tunnel und tauchte an der Oberfläche auf. Die Sonne ging gerade auf. Ihre Uhr zeigte, dass sie nur vier Minuten unter Wasser gewesen war. Doch auf dem Kalender ihres Notizblocks stand nicht mehr der 29. Juni. Es war der 29. Juli. Einen ganzen Monat hatte sie unter Wasser verbracht, ohne es zu bemerken. Sie schaute noch einmal zurück auf den ruhigen Mühlbach und flüsterte: „Nein… ich komme nicht mehr zurück.“ Doch tief unten in der klaren Strömung begann das blaue Licht erneut zu leuchten – als würde der Mühlbach bereits auf seinen nächsten Besucher warten.

  • 231_Die Frau im Mühlbach – Teil 1

    Das Geheimnis unter der Oberfläche

    Jeden Morgen, Punkt sechs Uhr, ging Anna zum Mühlbach. Ob Sommer oder Winter, ob Regen, Nebel oder Schnee – sie stieg ins Wasser. Während andere noch schliefen oder sich einen Kaffee machten, schwamm sie ihre gewohnte Runde, tauchte unter und genoss die Stille. Im Dorf war sie längst bekannt. Manche nannten sie liebevoll „die Frau vom Mühlbach“, andere hielten sie für etwas sonderbar. Doch Anna störte das nicht. Der Bach war ihr Rückzugsort, ihr Kraftplatz, ihr kleines Geheimnis.

    Eines Morgens geschah etwas, das sie sich selbst nicht erklären konnte. Beim Tauchen verlor sie völlig das Zeitgefühl. Als sie wieder auftauchte, war sie überzeugt, höchstens dreißig Sekunden unter Wasser gewesen zu sein. Ein Blick auf ihre wasserdichte Uhr ließ sie erschrocken innehalten. Eine Minute und acht Sekunden. „Komisch“, murmelte sie. Am nächsten Tag wollte sie wissen, ob es Zufall gewesen war. Sie tauchte erneut. Diesmal zeigte die Uhr eine Minute und vierzig Sekunden. Von da an begann sie, ihre Zeiten aufzuschreiben.

    Mit jeder Woche konnte sie länger unter Wasser bleiben. Zwei Minuten. Drei. Fünf. Nach einigen Monaten waren es bereits zehn Minuten, ohne dass ihr die Luft ausging oder sie sich unwohl fühlte. Sie bekam weder Schwindel noch Herzrasen. Im Gegenteil. Jedes Mal, wenn sie auftauchte, fühlte sie sich ausgeruhter als vorher. Aus Neugier ließ sie sich von einem Arzt untersuchen. Lunge, Herz, Blutwerte – alles vollkommen normal. „Sie sind kerngesund“, sagte der Arzt lächelnd. Anna nickte nur und verschwieg ihm, dass sie inzwischen viel länger unter Wasser blieb, als jeder Mensch eigentlich überleben konnte.

    Von diesem Tag an begann sie, ihre Versuche heimlich fortzusetzen. Früh am Morgen war niemand unterwegs. Sie tauchte tiefer, legte sich auf den kiesigen Grund und beobachtete die Welt unter Wasser. Kleine Fische schwammen neugierig um sie herum, Flusskrebse krochen zwischen den Steinen hindurch und die Sonnenstrahlen zeichneten silberne Muster auf den Bachboden. Mit der Zeit verloren selbst die scheuesten Tiere ihre Angst vor ihr. Es war, als würde sie zu dieser stillen Welt dazugehören.

    Nach fast einem Jahr erreichte sie etwas, das sie selbst kaum glauben konnte. Sechzig Minuten. Eine ganze Stunde unter Wasser. Ohne Sauerstoffflasche. Ohne Atemgerät. Als sie auftauchte, war sie nicht erschöpft, sondern fühlte sich so frisch wie nach einer langen Nacht Schlaf. Doch damit begann etwas noch Seltsameres. Sie bemerkte, dass die Zeit offenbar nicht mehr gleich verlief. Wenn sie eine Stunde unter Wasser gewesen war, zeigten ihre Uhren oft nur wenige Minuten an. Zuerst hielt sie die Uhr für kaputt und kaufte eine neue. Dann noch eine. Doch alle zeigten dasselbe. Unter Wasser schien die Zeit langsamer zu vergehen.

    Anna sprach mit niemandem darüber. Wer hätte ihr das auch geglaubt? Sie führte stattdessen ein kleines Notizbuch, in dem sie jeden Tauchgang genau dokumentierte. Datum, Uhrzeit, Dauer, Wetter. Die Ergebnisse wurden immer unglaublicher. Je länger sie unter Wasser blieb, desto größer wurde der Unterschied zwischen ihrer Wahrnehmung und der Zeit an Land. Langsam bekam sie Angst vor ihrer eigenen Entdeckung.

    Eines nebligen Herbstmorgens bemerkte sie zwei fremde Männer am gegenüberliegenden Ufer. Sie standen regungslos zwischen den Bäumen und beobachteten sie mit Ferngläsern. Anna spürte sofort, dass sie nicht zufällig dort waren. Sie stieg trotzdem ins Wasser und tauchte ab. Als sie wieder auftauchte, war das Ufer menschenleer. Nur ihre Kleidung lag noch auf der Bank. Daneben befand sich ein kleiner, nasser Umschlag. Mit zitternden Fingern öffnete sie ihn. Darin lag ein einzelnes Blatt Papier, auf dem mit blauer Tinte nur ein einziger Satz geschrieben stand:

    „Morgen um sechs Uhr. Tauch tiefer. Alle Antworten warten auf dich.“

    Anna blickte langsam zum dunklen Wasser des Mühlbachs. Zum ersten Mal seit zwanzig Jahren hatte sie Angst, wieder hineinzusteigen.

    Fortsetzung folgt Morgen

  • 230_Fernheizkraftwerk Wels

    Galerie

    Ein Stück Welser Geschichte verschwindet – und lebt trotzdem weiter.

    Wo früher Energie für Wels erzeugt wurde, arbeiten heute die Bagger. Das Welser Fernheizkraftwerk, das 1959 in Betrieb ging und bis 2022 zuverlässig Wärme und Energie lieferte, wird derzeit abgetragen.

    Was viele nicht wissen: Das Kraftwerk endet nicht als Schrott. Es wurde in das rund 8.000 Kilometer entfernte Kasachstan verkauft und soll dort wieder aufgebaut und weiter genutzt werden. Ein außergewöhnliches zweites Leben für eine Anlage, die über sechs Jahrzehnte Teil der Welser Stadtgeschichte war.

    Ich finde solche Momente faszinierend. Mit einem Foto hält man Geschichte fest – denn schon bald wird hier nichts mehr an das frühere Kraftwerk erinnern.

    📸 Habt ihr noch Erinnerungen an das Welser Fernheizkraftwerk oder sogar alte Fotos davon? Zeigt sie gerne in den Kommentaren!

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